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Montag, 22. August 2016

CHRIS STAPLES / Golden Age

Auf der Homepage des amerikanischen Songwriters aus Florida erfährt man, dass CHRIS STAPLES eine lange Zeit voller Sentimentalität der golden Vergangenheit hinterhertrauerte. Aber wer im fortgeschrittenen Alter kennt das nicht, dieses Verklären, dieses „früher war alles besser“. Staples merkte aber, wie ihn dieser ständige Blick zurück blockierte und beschloss, die Vergangenheit endgültig abzuschließen. Er stellte sich der Gegenwart mit all seinen Alterswehwechen und begann mit den Arbeiten an "Golden Age", um die hinter ihm liegenden Kapitel endlich würdig abzuschließen.


Er begann sein Leben zu ordnen. Er kündigte seinen Zweitjob im Baugewerbe, arbeitete weiter als Tischler - wer kann schon nur als Musiker überleben - , gab das Musizieren mit anderen Bands auf und lenkte den Fokus seines musikalischen Schaffens komplett auf das Songwriting für das geplante neue Album.

Aus diesen Schilderungen könnte man zur Auffassung kommen, Staples sei zwar nicht mehr der Jüngste, aber wohl ein junger Hase im Musikbusiness, ersteres ist wahr, aber bei zweiterem trügt der Schein, denn Staples ist seit den späten 90igern auf musikalischen Pfaden unterwegs. Zu Beginn mit der Band Twothirtyeight, später als Discover America und immer wieder eben auch Solo unter seinem bürgerlichen Namen. So zählen mehr als 10 Alben zu seiner Diskographie, aber der richtige Durchbruch als Musiker blieb ihm bisher versagt.

Mit "Golden Age" könnte sich das Blatt wenden, denn Staples gelingt eine feinfühlige Abrechnung mit dem Mythos "früher war alles besser". Das Songwriter-Album zeigt alle Facetten des an der Vergangenheit hängen. Den verklärten nostalgischen Blick, das melancholische von Sentimentalität getragene Zurückblicken, aber es zerstört auch den Mythos, der damit verbunden ist und zeigt Wege in die Zukunft.



Es beginnt mit einer schier permanenten Beziehung ("Relatively Permanent") und läutet dann beschwingt das goldene Zeitalter ein ("Golden Age"). Dieser dem Album den Namen gebende Song könnte für Staples sogar ein kleiner Hit werden, wenn die Radiosender dieser Welt kapieren würden, wie charmant und unverschämt eingängig diese Nummer ist.



"Missionary" dagegen ist, ebenso wie das wehmütig die eigene Kindheit reflektierende "Cheap Shades", mit viel weniger Pop und umso mehr Melancholie beladen. Die Songs sind minimalistisch instrumentiert - Staples und seine Gitarre und nur wenig mehr - aber es genügt, um eine Emotionalität zu erzeugen, die unter die Haut geht.

"Full Color Dream" ist ideale Campfire-Musik, allerdings etwas breitwandiger und weniger geradlinig angelegt als die beiden Vorgänger-Songs, mit der man mit guten Freunden wunderbar bei ein zwei Bier über alte Zeiten sinnieren kann. Tief traurig, nicht nur wegen der Streicherpassagen, ist die akustische Nummer "Park Bench", bei der es um Erinnerungen, Tod und Verlust geht.



Melancholie und Molltöne am Klavier sind schon immer eine gelungene Verbindung. Mit "Always On My Mind" gelingt Staples ein über die verlorene Jugend und Liebe schwelgender Song, der schnurstracks in meine Playlist "Novocain for the Soul" wandert, wo sich Lieder sammeln, die Herz, Seele und Hirn gleichermaßen mit Balsam bestreichen. Irgendwann wird es diese Liste auch hier auf diesem Blog geben, aber da muss ich die mittlerweile mehr als 2000 Songs umfassende Playlist vorher noch etwas ausdünsten ;-).

Wem das Album jetzt schon zu sentimental drauf ist, der sollte die Segel streichen, denn auch "Times Square" ist ein Lied voller Sehnsucht nach den Zeiten, in denen das Leben noch leichtfüßig und die Liebe komplikations- und kompromisslos war. Seufz, wie schön ist eigentlich dieser Duettgesang mit der Sängerin, deren Namen ich nirgendwo ausfindig machen kann?

Aber bitte nicht auf den Gedanken kommen, "Golden Age" wäre rührseelig oder gar kitschig! Nein, Nein, Nein! "Golden Age" ist wie ein Besuch in der guten alten Zeit, der eben manchmal auch schmerzt, aber auch unendlich viel Freude bereitet - man lausche nur "Vacation".

Ähnlich beschwingt wie der potentielle Smash-Hit "Golden Age" ist die vom Akkordeon flankierte Nummer "Hepburn In Summertime", ebenfalls "very fein" wie man hier zu sagen pflegt. Mit "Dog Blowing A Clarinet" kommt dann kurz vor Schluss der musikalische Aufruf, nicht in der Vergangenheit stecken zu bleiben, sondern die Angst abzulegen und zuversichtlich nach vorne zu blicken, ehe mit "Diary" das alte Tagebuch herzzerreißend, aber mit Hoffnung geschlossen wird.

Zarte Melodien, exzellentes Songwriting, behutsame Arrangements und eine gefühlvolle Stimme. Gratulation Mister Staples zum Meisterwerk "Golden Age".

Im Oktober kommt Chris Staples auch nach Deutschland, in vorwiegend kleinen Clubs, auf Tour. Kölner dürfen sich auf einen sicherlich erhabenen Abend am 9. November 2016 in der Wohngemeinschaft freuen. Taschentücher und alte Freunde nicht vergessen!

... und dieser Mann hat Humor UND Ideen! Gibt es günstige Flüge nach Seattle?


Tracklist:
01 Relatively Permanent
02 Golden Age
03 Missionary
04 Cheap Shades
05 Full Color Dream
06 Park Bench
07 Always On My Mind
08 Times Square
09 Vacation
10 Hepburn In Summertime
11 Dog Blowing A Clarinet
12 Diary



Freitag, 19. August 2016

NEW SONGS Vol. 130: RACKETT / Bats ... DÈCOLLAGE / ;) Semicolon Parentheses ... HIGH VIOLET / Give in ... CRUSHED OUT / Out of The Blue + Skinny Dippin


RACKETT / Bats

Ein frisch geschlüpftes Damen-Quartett aus Australien nennt sich RACKETTS und macht fröhlichen PopPunk zum Mitgrölen.

Da sich die Damen [Bec Callander (Bec and Ben), Skarlett Saramore (SHE REX, Fait Accompli and Particles), Ally Gaven (Baby Lips & the Silhouettes, Salvador Dali Llama) und Jessamyn Jean (Mylee and The Milkshakes)]  mit unterschiedlicher musikalischer Vorgeschichte erst in diesem Jahr gefunden haben, gibt es bisher nur den Song "Bat" zu hören, der später auf der im Januar 2017 erscheinenden Debüt-EP zu finden sein wird. Die fantastischen Sticky Fingers haben die Damen schon als Support eingefangen, was vermuten lässt, dass im nächsten Jahr neben "Bats" noch weitere Hochenergiesongs freigelassen werden.




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DÈCOLLAGE / ;) Semicolon Parentheses

2009 gründete der Kopf der Moon Magnet Studios in Denver, Reed Fuchs, die vierköpfige Band DÈCOLLAGE. Da man als Studio-Chef natürlich zahlreiche Kontakte zu Musikern besitzt, waren an der Entstehung des Albums "Magnetize" letztendlich sogar mehr als 20 kreative Künstler beteiligt.

Für eine Albumbesprechung hat es dieses Mal im Gesamteindruck noch nicht gereicht, aber den Song ";) Semicolon Parentheses" kann ich einfach nicht unerwähnt lassen, weil das PsychedelicPop-Stück so wunderschön blubbert und es exzellent in eine Playlist mit den Flaming Lips und Tame Impala passt.




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HIGH VIOLET / Give in

Und wieder Australien. Charmanter IndiePop aus Sydney, der allerdings mehr nach britischem IndiePop schmeckt.

HIGH VIOLET Frontfrau Emily Smart singt mit ihrer angehaucht verruchten Stimme über Versuchung und Sucht und dem Verlangen diesen nachzugeben. Smashige Nummer, die das geschlechtermäßig ausgeglichene Quartett in der Tradition von Bands wie The Preatures, HAIM und Fleetwood Mac sieht. Letztere lassen sich eher bei der ersten Singelveröffentlichung ausmachen.

"Give in" ist nach "Only Heart" die zweite Veröffentlichung der australischen Band - und in meinen Ohren auch die wesentlich bessere ;-).







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CRUSHED OUT / Out of The Blue

Juhu, ein neues Lebenszeichen von meinem Lieblingspaar aus Brookyn, das mich 2014 mit seinem zweiten Album "Teeth" so begeisterte, dass ich mir das Vinyl aus den Vereinigten Staaten bestellen musste, weil es hierzulande nicht erhältlich war.

CRUSHED OUT sind Frankie Sunswept und Mosel Spiller, ein Mann und eine Frau, ein Schlagzeug und eine Gitarre oder einfach Surf-Rock'n' Roll aus der Wüste.

Kennengelernt haben sich die beiden, die mittlerweile verheiratet sind, als Mosel von New Hamsphire nach Brooklyn zog und von da an Tür an Tür mit Frankie wohnte. Es gab einige Flirts im Flur und bei einer Dachparty wurde das Feuer zwischen den beiden endgültig entfacht.

2010 erschien die Debüt-EP "Show-Pony" und seitdem erfreut das Duo eine wachsende Fangemeinde mit psychedelischen Spaghetti-Western-Dessert-Surf-Sounds, griffigen Melodien und exzellenten Gesangsharmonien.

Die beiden ersten, vorab veröffentlichen, Songs vom neuen Album "Out of The Blue" und "Skinny Dippin" machen höllischen Spaß und belegen, dass Crushed Out auf dem besten Weg sind, ihre Einzigartigkeit auszubauen.

Das neue Album "Alien Ocean" erscheint am 16. September und ist dann hoffentlich auch auf Vinyl in Deutschland erhältlich. Falls nicht, bitte bei der im Frühjahr 2017 anstehenden Europa-Tour Good Old Germany nicht vergessen und genügend Vinyl einpacken.






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Montag, 15. August 2016

MILD HIGH CLUB / Skiptracing

MILD HIGH CLUB? Es beginnt, als hätte ein hochzeitsgeplagter, dem Drogenkonsum nicht abgeneigter Alleinunterhalter, aus Verzweiflung über die Musikwünsche der Hochzeitsgäste, einen Song von Mac DeMarco adaptiert. Der Song nennt sich "Skiptracing" und gibt dem Album seinen Namen.


Das Erstaunliche ist, der Sound ist unglaublich geschmeidig und elegant! Vielleicht sieht der Sänger ja aus wie eine Verschmelzung aus Bryan Ferry und Mac DeMarco? Fort mit den Spekulationen, ab jetzt, wenn möglich, nur noch Fakten!

Der Kopf des Mild High Club ist Alexander Brettin, geboren in Chicago und jetzt ansässig in Los Angeles. Sein Debüt gab er im Januar 2015 mit der 45-Inch "Windowpane / Weeping Willow", mit der er bereits andeutete, dass der vom Jazz kommende und in einer Schulband einst als Flötist tätige Künstler für neue musikalische Wege aufgeschlossen ist. Das in L. A. ansässige Label Stones Throw Records erkannte das Potential des Musikers und brachte noch im selben Jahr das Debütalbum "Timeless" heraus, an dem Brettin drei Jahre lang gearbeitet hatte. Während der Arbeit an "Timeless" knüpfte Brettin Kontakte zu anderen Musikern, darunter solche Freigeister wie Ariel Pink, der auf "Timeless" bei "The Chat" die Vocals beisteuert und eingangs erwähnter Mac DeMarco.



Für das neue Album "Skiptracing" benötigte Brettin nur ein Jahr, was wie er verlauten ließ, besonders daran lag, dass er lernte loszulassen und seinen Songs und Sounds mehr Freiheiten gab. Dadurch ist "Skiptracing" einerseits deutlich abwechslungsreicher wie sein Vorgänger und andererseits in einen grazilen Flow eingebettet.



Der "neue" Mild High Club - wenn man die Facebook-Page betrachtet, umfasst er mittlerweile fünf Musiker - macht spacigen-psychedelischen JazzIndieFunk, der aus einer bisher unbekannten Galaxie in unser Musikuniversum vorgedrungen ist, um altebekannte Genres wie Jazz, Indie, Pop, und sogar Country (die wunderbar bekifftetste Pedal Steel-Gitarre aller Zeiten bei "Chasing My Tail") zu assimilieren.

Die Lead-Single "Homage" ist eine hyperelaxte federleichte Mid-Tempo-Nummer mit schrägen Keys und einem groovy Bass, die klingt, als wäre Ariel Pink Mitglied bei Steely Dan geworden. Der Song dürfte sogar in der Lage sein, das wuselige Treiben am Times Square in New York für 2:58 Minuten zu stoppen.



Die Faszination des ganzen Albums ist diese unglaubliche Erdung, die man erfährt, wenn man sich dem schlingernden Flow von "Skiptracing" aussetzt. Ähnlich wie in diesem Jahr, beim natürlich völlig anders klingenden Album "The Waiting Room" von den Tindersticks, schafft es Brettin, dass man das Drumherum ausblendet und den ganzen Scheiß beiseite schieben kann. Bei den Tindersticks funktioniert dies über die Schnittstelle Melancholie beim Mild High Club über eine intergalaktische Form der Relax-Hypnose. Wer z. B. bei "Kokopelli" nicht abschalten kann, dem dürfte nur noch ein schweres Anästhethikum helfen können.

Einer meiner Lieblingsautoren im Musikexpress, der Herr Weiland, schreibt in seiner Rezension als Abschlusssatz zu "Skiptracing": "Das nächste Album vom Mild High Club könnte ein Highlight werden". Ausnahmsweise muss ich widersprechen, denn "Skiptracing" ist eines der ganz großen Highlights in diesem schon bisher wirklich sehr gut verlaufendem Musikjahr. Herzlich wilkommen Herr Brettin im exquisiten Leierkasten-Club, wo sich bereits solche Größe wie Foxygen, Ariel Pink, The Unknown Mortal Orchestra, Iji und Mac DeMarco befinden.

Ach und übrigens nicht den MILD Hugh Club mit dem MILE High Club, auch MHC genannt, verwechseln! Beim MHC handelt es sich um den inoffiziellen Club, in den man automatisch aufgenommen wird, wenn man Sex in einem Flugzeug hätte. Laut Wikipedia idealerweise in einer Flughöhe von 1852 Meter. Es gibt keine Komplikationen, wenn man dabei ganz Laidback die Musik des Mild High Club hört ;-)

Tracklist:
01 Skiptracing
02 Homage
03 Cary Me Back
04 Tesselation
05 Head Out
06 Kokopelli
07 Whodunit
08 Chasing My Tail
09 Ceiling Zero
10 Skiptracing (Reprise)