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Freitag, 11. August 2017

JEN CLOHER / Jen Cloher [Review]

Courtney Barnett gründete 2012 das unabhängige Plattenlabel Milk und holte sich dann JEN COHER als Partner an Bord. Dank des großen Erfolges von Courtneys Debüt-Albums "Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit" in 2015, dürfte das Label vorerst in Ruhe arbeiten können. Vielleicht aber auch nicht, denn es könnte viel Arbeit auf das Team zukommen, denn das neue Album von Label-Partnerin Jen Cloher hat ebenfalls das Potential, um den Musikmarkt aufzumischen.


Beim schlicht mit ihrem Namen betitelten Werk "Jen Coher" handelt es sich aber nicht um ein Debütalbum wie man meinen könnte, sondern es ist bereits ihr vierter Longplayer in einer Karriere, die 2005 mit der EP "Permanent Marker" begann. Das letzte Album "In Blood Memory" aus dem Jahr 2013 - das erste ohne den Bandnamenzusatz And The Endless Sea - war ihr bisher größter Erfolg, das ihr eine Nominierung für den renomierten Australian Music Prize bescherte. Hierzulande kennt im Gegensatz zu ihrer Partnerin Courtney Barnett noch kaum einer Jen Cloher, aber das dürfte sich nach diesem Album und der anschließenden Tour durch Europa und Köln ändern.

Cloher, die in Adelaide geboren wurde und dann nach Sydney übersiedelt, schreibt Lieder über Dinge, die sie bewegen: Das Leben als Frau im Musikbusiness, das Leben als homosexuelle Frau in Australien und wie gut oder schlecht Fernbeziehungen ("Forget Myself") funktionieren. Cloher textet lieber, als dass sie komponiert, die Texte sind ihr wichtiger.

Musikalisch liegen Cloher und Barnett ebenfalls sehr nahe beieinander. Beide haben in ihrer Stimme etwas wunderbar Schnoddriges, wenn auch Jens Stimme etwas zurückhaltender klingt, und beide bewegen sich im Experimentierfeld zwischen Folk, Grunge, Art- und IndieRock. Der scheppernde Einstiegssong "Forget Myself" ist ein gutes Beispiel dafür, wie man diese Spielarten kunstvoll verknüpfen kann.



Es muss nicht einfach gewesen sein für Jen als die musikalische Karriere ihrer Partnerin an ihr, die schon lange Jahre im Business war, vorbeizog. Aber Jen kämpfte Neid und das Gefühl des Scheiterns nieder und schloss ihre Lehren aus dem Geschehenen. Es scheint als hätte Cloher "Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit" analysiert und den Schlüssel zu dessen Erfolg gewonnen.

Songs wie "Analysis Paralysis" oder dem smashigen "Strong Woman" hört man die Nähe vielleicht etwas zu sehr an, aber ein Kopist ist Cloher dennoch keinesfalls, weil Jen Cloher den Stil von Barnetts Debütalbum gewissermaßen nur als Basis nutzt, virtuos ihre eigene Persönlichkeit einbringt und das Spektrum überraschend erweitert. So entstehen sanfte, erwachsene Nummern wie "Regional Echo" oder "Dark Art", die zur wütenden und mehr als 10 Jahre jüngeren Barnett (zur Zeit noch) gar nicht passen würden.



Geschrieben hat Cloher das Album während Courtney auf Tournee war. Die meisten Stücke entstanden im australischen Winter in Jumbunna, einer kleinen Stadt ca. 130 km südöstlich von Melbourne. Man kann sich vorstellen, wie sich Cloher in diese Aufgabe vertieft hat und welche Genugtuung es ihr geben muss, nun ihr bisher bestes Album abzuliefern.

Finalisiert wurden die 11 Songs, bei denen neben Courtney Barnett an der Gitarre als Gäste auch Kurt Vile und The Drones-Gitarrist Dan Luscombe mitwirkten, in Jeff Tweedys berühmten Loft Studio.

Meine Favoriten? Zur Zeit das erdige "Shoegazers", das bereits lobend erwähnte "Strong Woman" und das avantgardistische "Great Australian Bite". ABER, das kann sich bei jeder Rotation des Vinyls ändern, denn alle elf Stücke haben ihren ganz speziellen Charme.

Tracklist:
01 Forgot Myself
02 Analysis Paralysis
03 Regional Echo
04 Sensory Memory
05 Shoegazers
06 Strong Woman
07 Kinda Biblical
08 Great Australian Bite
09 Loose Magic
10 Waiting In The Wings
11 Dark Art

Der Beweis, dass Cloher auch Courtney sicher Einiges beigebracht hat ;-)



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